Nachruf

Mein Vater Dr. Erhard Haufe, geb. am 28.05.1923 in Dresden, gestorben am 08.09.2010 in Dresden, war mir beispielgebender Vater, Kamerad und Freund.

Er hatte kleine Schwächen und große Stärken.

Aufgewachsen war er in einer zerrütteten Familie, seine Jugend nahm ihm der irrsinnige Krieg, das Familien- und auch Berufsleben begann mit großen Entbehrungen und Anstrengungen.

Er war ein begabter Allround-Sportler, inniger Naturfreund, musischer Mensch, allseitig interessierter „Wissenschaftler“.

Seine Sport- und Naturbegeisterung führte ihn letztendlich zum Orientierungslauf (OL), wo er beides sowohl in Beruf als auch als Hobby vereinen konnte. In seiner Jugendzeit glänzte er durch Leistungen in der Leichtathletik (Wettkampferfolge auf der Mittelstrecke, im Dreisprung und im Gehen), im Skilanglauf (gelegentlich auch Abfahrtslauf; sogar im Skispringen hat er sich versucht). Sein Favorit war aber das Felsklettern in der Sächsischen Schweiz mit seinem Bruder Konrad und weiteren Kameraden (heimlich, entgegen dem nicht ganz unberechtigtem Verbot seines Vaters) – weniger erfolgreich (abgesehen von riskanten Sprüngen), aber mit umso mehr Begeisterung. In den 50er Jahren führten ihn entbehrungsreiche Klettertouren mit Sportkameraden in die Alpen, die Hohe Tatra und das Rilagebirge. Seinen letzten Versuch unternahm er – ebenfalls heimlich – mit über 60 Jahren an der Nonne. – Über den (Ost-)Deutschen Wander- und Bergsteigerverband (DWBV, später DWBO – Deutscher Verband für Wandern, Bergsteigen und Orientierungslauf) kam er zum Touristischen Mehrkampf (Orientierung mit Karte und Kompass, Pflanzen- und Gesteinsbestimmung, div. Geländeübungen), wo er auch zwei mal mit der Mannschaft DDR-Meister wurde und als Meister des Sports geehrt wurde. Das führte ihn auch ins Ausland (selbst nach Schweden, dem Heimatland des OL), teilweise mit Erfolg gekrönt – da gibt es auch einige „lustige“ Geschichten zu berichten. (Das Ende der Westreisen war ein Eintrag mit „Deutschland“ unter seinem Namen!).

Im Orientierungslauf gehörte er viele Jahre der DDR-Elite an (seinen letzten Sieg in der Elite errang er mit 43 Jahren!); den letzten OL-Wettkampf (Bundesranglistenlauf) bestritt er wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag. Nach Schweden begleitete er die Nationalmannschaft als Trainer, in der OL-Sektion der HSG TH Dresden (Hochschulsportgemeinschaft, jetzt USV – die größte OL-Sektion ganz Deutschlands!), die er mit gegründet hatte, leitete er viele Jahre das Training (manchem sind noch seine Heimübungszettel oder sein anspruchsvolles Hallentraining bekannt), auch leitete er einige Jahre die Sektion Wandern und Bergsteigen bzw. OL. Seine letzten aktiven Sportjahre widmete er dem Skilanglauf (vordere Altersklasseplatzierungen in Sachsen). Auch als Rentner trieb er noch regelmäßig Sport (ohne den Aufwand der Wettkampfreisen): Radfahren (notfalls auch Hometrainer), Skifahren, „Heimübungen“ (effektiv und sehr weiterzuempfehlen!).

Auch beruflich führte sein Weg zum Sport. Nach dem Krieg wurde er (nach einigen Umwegen über Landwirtschaft etc.) zum Neulehrer „schnellbesohlt“ und landete 1952 als Sportlehrer an der TH / TU Dresden. Im Gegensatz zu seinen Kollegen ruhte er sich auf diesem beneidenswerten Job nicht nur aus, sondern qualifizierte sich weiter (neben dem damals üblichen Fernstudium) bis zur Promotion „Die Stellung und die Perspektiven des volkssportlichen Orientierungslaufes im Freizeit- und Erholungssport der DDR – erläutert an Modellen und Beispielen“ (in diesem Rahmen wurden in vielen Orten der DDR in Ferieneinrichtungen, Jugendherbergen, Schulen etc. „feste Postennetze“ eingerichtet). Er war auch zuständig für die Ausbildung der Sportlehrer der DDR im Orientierungslauf sowie die Erarbeitung der Lehrpläne für die Hoch- und Fachschulen der DDR im Orientierungslauf und im Rehabilitationssport. Das brachte ihm viel Anerkennung ein, aber auch Neid und Bosheiten unter seinen Kollegen, was ihm sehr zu schaffen machte.

Damit waren seine Interessen aber noch nicht erschöpft. Trotz seiner mäßigen Zensuren in Mathematik war ihm dieses Wissen bis in seine letzten Tage erhalten geblieben (beneidenswert!) ebenso wie seine wissenschaftliche Neugier (Literatur, Fernsehsendungen etc.). Seine musischen Tätigkeiten wurden nur von wenigen Nahestehenden anerkannt. Er dichtete, malte und improvisierte am Klavier. Sein selbstkritisches Verhalten kannte kein akzeptiertes Ergebnis, sodass es praktisch kein „Werk“, sondern nur „Arbeitsphasen“ gibt. Auch dem Modellbahnhobby und der Fotografie widmete er sich mit Begeisterung. Eine Aufarbeitung des Materials scheint  ziemlich schwierig zu sein.

Nicht zu vergessen sind seine vielfältigen Veröffentlichungen: im Freizeitbereich (Urlaub, Zelten, Modelleisenbahn) sowie in sportwissenschaftlichen Zeitschriften.

Im Alltag war Erhard sehr unbeholfen (wir mussten ihm u.a. beim Zuschnüren der Schuhe sowie beim Einschalten des Radios behilflich sein). Ohne die Hilfe seiner Angehörigen (bis zum Schreiben der Dissertation) wäre er wohl gescheitert.

Als Mensch war „Old“ problematisch (im guten Sinne). Er zweifelte an allem (d.h. alles musste sich einer kritischen Überprüfung unterziehen lassen). So war er (trotz der damaligen Euphorie) ein Kriegsgegner (die für einen Abiturienten übliche Offizierslaufbahn hatte er „umschifft“); auch hat er jeder politischen Vereinnahmung widerstanden (was ihm auch in der DDR Nachteile eingebracht hat). Leider zweifelte er auch viel zu oft an sich selbst: ständige Angst u.a. vor dem Tod. Seine Zweifel verhinderten auch eine Geradlinigkeit im Verhalten, was seine Gegner als Angriffsfläche ausnutzten. Das gilt auch für die „Gretchenfrage“.

Mit seiner Ehefrau Gertrud lebte er 63 Jahre zusammen (befreundet waren sie 72 Jahre). Sie haben gestritten wie Kinder, konnten sich aber hinterher lieben wie ein jungverliebtes Paar. Es blieb selten etwas unausgeprochen. Sie waren glücklich über ihre Kinder und über die Liebe und Hilfe der Söhne, Schwiegertöchter und Enkel.

Im Familienleben spielte er keine herausragende (er hatte wenig zu sagen), wohl aber eine prägende Rolle. Er machte keine Vorschriften (an – auch verdiente – Prügel kann ich mich nicht erinnern), aber er stellte vieles in Frage und zur Disposition. Das ermöglichte uns, frei (aber nicht unwissend) zu entscheiden.

Rückwirkend hat er das ihm wünschenswerte Ende gefunden: rechtzeitig (noch bei Sinnen), im Kreise seiner Lieben, in gewohnter Umgebung. Das hat er sich verdient!

Christian Haufe
Dresden, 16.09.10

Manches wird erst dann gegenwärtig,
wenn es vergangen ist.
(E. Haufe)