Religion

Ohne gleich die „Gretchenfrage“ zu stellen, ist irgendwie jeder Mensch religiös. Das gilt auch für Atheisten! Man denke nur an die Politiker-Fotos an den Wänden oder an die Losungen an den Häusern zu DDR-Zeiten. Auch der heutige Neoliberalismus trägt religiöse Züge. Religion beginnt nach meiner Meinung dort, wo auf einer Haltung oder Sichtweise aus einer Grundüberzeugung heraus bestanden und gehandelt wird, ohne dass man sie mit wissenschaftlicher Genauigkeit beweisen kann. Ohne dies wäre m.E. der Mensch gar nicht funktionsfähig. In unserer heutigen rational geprägter Zeit scheint zum Ausgleich ein größerer Bedarf an Religiosität vorhanden zu sein. Das Zitat unseres verehrten Alt-Bundeskanzlers Helmut Schmidt „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, finde ich sehr irreführend.

Für eine fundierte Weltanschauung ist natürlich Wissen sehr von Nöten, deshalb sollte Bildung einen hohen Stellenwert haben. Wissen beinhaltet aber auch Kenntnisse über die Vergangenheit bzw. Kenntnisse alter Quellen. An herausragender Stelle steht hier die Bibel. Sie reicht in eine Zeit von mehreren Tausend Jahren vor Christus zurück bis in das Jahrhundert nach Christus. Auch für das Verständnis des Koran ist Wissen über die Bibel von Nöten. Die Bibel sollte man ebenso lesen wie z.B. Goethes Faust, Odysseus´ Erlebnisse (z.B. in der Bearbeitung von Gustav Schwab), den Gilgamesch-Epos und vieles andere mehr. Unsere europäische Kultur beruht zum großen Teil einerseits auf der hellenistischen Antike, andererseits auf der Kultur des Nahen Ostens (Mesopotamien, „Palästina“).

Im alten, vorchristlichen Teil der Bibel, dem „Alten Testament“ erfährt man über die Entwicklung des Volkes und Staates Israel von Nomaden-Stämmen zu einem sesshaften Volk. Diese Entwicklung wurde auch unterstützt durch die Zuwendung zu einem gemeinsamen Gott. Systematische Niederschrift der Bibel (Altes Testament) erfolgte vor allem zur Zeit von König Hiskia. Hier wurden auch frühere Quellen und Überlieferungen eingearbeitet. Die Darstellung entspricht der Sichtweise der jeweiligen Zeit, somit ist eine gewisse „Übersetzung“ auf das heutige Verständnis angebracht. Wenn man beim Lesen mitdenkt, erfährt man Erstaunliches, aber auch Ungereimtheiten. Eine unkritische Betrachtung kann zu Fundamentalismus führen (wie bei allen „Weltanschauungen“), der sich auch hartnäckig hält.

Die heute weit verbreitete Ablehnung des Christentums, die z.T. auch nachzuvollziehen ist, weil es oftmals nicht zur Verbesserung der Welt beigetragen hat, führt dazu, dass ein buntes Gemisch an Ideologien in diese Lücke eindringt. Leider befindet sich darunter auch menschenverachtendes Gedankengut, welches wir eigentlich schon längst hinter uns gelassen haben sollten.

Die Schöpfungsgeschichte

Auch wenn die Schöpfungsgeschichte(n) der Bibel von Fundamentalisten sehr einseitig ausgelegt wird, finde ich sie auch nach heutigen Gesichtspunkten sehr realistisch. Insbesondere die Frage nach dem Paradies und die Vertreibung daraus führt zu folgenden Überlegungen:

Somit wäre es (wie auch in der mathematischen und physikalischen Welt) denkbar, dass wir zwar nicht mehr im „Paradies“ lebten, aber die Tiere neben uns doch, und das auf allen Teilen der Welt.

Abraham

Da Abraham und Sara keine Kinder bekamen, zeugte Abraham mit seiner Magd einen Sohn (Ismael). Dieser wurde als gemeinsames Kind angenommen. Als nun Sara doch noch einen Sohn (Isaak) bekam, gab es ein Problem: wer ist nun der rechtmäßige Erbe? Erster Lösungsversuch: Isaak beseitigen – ging bekanntlich schief. Endlösung: Ismael mit seiner Mutter „in die Wüste schicken“ (vielleicht sogar wörtlich). Daraus resultierte der bis heute andauernde Hass zwischen Israel und den Arabern, die sich betrogen fühlen.

Zwei Generationen später passierte Ähnliches noch einmal, als Jakob seinen Bruder Esau um das Erstgeburtsrecht betrog.

Moses

Moses lebte in Ägypten am Hofe des Pharaos ungefähr im 13. Jh. vor Christus. Er stammte aus dem „israelischen Volk“, d.h. er war ein Nachfahre von Jakob. Die „Kinder Israel“ (Israel war ein zweiter Name für Jakob, einen Enkel Abrahams) lebten im Exil in Ägypten; sie (ein Nomaden-Stamm) waren in einer Hungersnot dorthin ausgewandert. Nach einigen Generationen, als sich dieses Volk vergrößert hatte, wurden sie immer mehr unterdrückt. Moses hatte am Hofe vieles gelernt, aber keinerlei Chance, Macht zu übernehmen. Er wandte sich „seinem“ Volk zu und führte es auf abenteuerliche Weise aus der Unterdrückung. Während der 40 Jahre dauernden Wanderung durch die Wüste in ein „gelobtes Land“ gab es viel Scherereien; es wurde gemurrt, protestiert, und die Menschen wandten sich in ihrer Verzweiflung fremden Göttern zu. Moses präsentierte die bekannten 10 Gebote, um einigermaßen Linie hinzubekommen. Ihm war es aber nicht gegönnt, das „gelobte Land“ zu betreten, nachdem er es in der Ferne schon erspäht hatte. Erst sein Nachfolger Josua erkämpfte Kanaan auf mörderische Weise, nachdem er Jericho mit Trompeten zu Fall gebracht hatte.

Die Geschichte vom Auszug des israelischen „Volkes“ aus Ägypten ist praktisch der Entstehungs-Mythos des Volkes Israel als Verbund der 12 Stämme (Söhne von Jakob / Israel). Die schwarze Bevölkerung der USA machte sich diesen Mythos bzw. die Sehnsucht nach Freiheit ebenfalls zu eigen, was sich in zahlreichen Spirituals ausdrückt.

Auch wenn man diesen Mythos nicht wörtlich nimmt (wurde erst viele Jahrhunderte später schriftlich niedergelegt und sicherlich reichlich ausgeschmückt), ist er doch plausibel. So sind z.B. grausame Machtkämpfe im Umfeld der Pharaonen bekannt. Die Geschichten um die Landnahme Kanaans haben bis zum heutigen Tage Auswirkungen in Palästina.

König David

König David ist die zentrale Figur des Volkes Israel. Schließlich hatte das Königreich Israel zu seiner Zeit die größte Ausdehnung (vom Roten Meer bis weit über Damaskus) – inwieweit das tatsächlich israelisches Territorium war oder auch Reiche umfasst, die tributpflichtig waren, sei dahingestellt. König David hat es hervorragend verstanden, den Glauben an den einen Gott für den Zusammenhang des „Volkes“ und für seine Macht zu nutzen. Er war beileibe nicht so fromm und hat Grausamkeiten begangen, die ihresgleichen suchen (kann man nachlesen!). Die herausragende Bedeutung von Israel begann mit König Saul. Dieser wurde letztendlich von David gestürzt, nachdem David sich zunächst in Sauls Privatsphäre eingeschlichen hatte (Spielknabe, Schwiegersohn), danach mit Hilfe der Philister bekämpft und letztendlich als Gegenkönig von Judäa besiegt. Davids Sohn Salomo (der den Thron grausam vor seinen Brüdern eroberte) konnte das Reich noch zusammenhalten, aber danach zerfiel es und wurde letztlich bedeutungslos.

Jesus

Jesus hat gelebt. Was von ihm „real“ überliefert ist, betrifft aber nur wenige (2 ?) Jahre. Zunächst wurden seine Worte und Taten nur mündlich überliefert, aber bereits im ersten, spätestens zweiten Jh. schriftlich fixiert. Dabei wurden Verweise auf alttestamentliche Stellen ergänzt, und es schlichen sich wohl auch einige Ungenauigkeiten ein. Ich halte es für möglich, dass es noch mehr Personen gab, die wie Jesus aktiv waren (z.B. Johannes der Täufer) – gab es da vielleicht sogar eine (Kloster-)Schule? Die Klarheit von Jesu´ Leben und Worten ist auch für heutige Verhältnisse noch visionär. Selbst unter Berücksichtigung redaktioneller Bearbeitungen setzen die Evangelien Maßstäbe.

Für „aufgeklärte“ Menschen gilt die Geburtsgeschichte als Märchen. Als diese weitererzählt wurde, gab es keine Zeitzeugen mehr. Möglicherweise kannte selbst Jesu diese Geschichte nicht. Dennoch ist diese Geschichte für die damalige Zeit revolutionär und heute noch aktuell: Junge Frau (vielleicht 15 Jahre) gebiert uneheliches Kind, älterer Mann erbarmt sich ihrer und legalisiert das Geschehen, arme Leute geraten in den Mittelpunkt, eine Fluchtgeschichte ist auch dabei. Was das Moralische betrifft, können die heutigen Märchen längst nicht mithalten.

„Gottes-Sohn“ - Jesus bezeichnet sich selbst als „vom Vater gesandt“ und Gott als seinen Vater. Aber auch seine Mitmenschen als Brüder. Für ihn ist jeder eines Sohnes würdig, der den Willen des Vaters erfüllt. Und da steht er ziemlich einsam da.

Angenommen, das Neue Testament wäre erfunden, dann sähe es gewiss anders aus und würde dem damaligen Zeitgeist entsprechen.

Die Evangelien

Die Evangelien („frohe Botschaft“) sind ein Hauptbestandteil des Neuen Testament, dem christlichen Teil der Bibel. Sie alle enthalten Aussagen von Jesus und Begebenheiten des letzten Lebensjahre von Jesus, teilweise ergänzend, teilweise nur durch die Formulierung abweichen. In der (katholischen) „Einheitsübersetzung“ (ISBN 3-920609-44-1, mit Kommentaren versehen und bebildert mit Illustrationen von Marc Chagall) findet man wertvolle Kommentare, die dem heutigen Kenntnisstand entsprechen und auf die ich mich hier beziehe. Die Schriften des Neuen Testaments entstanden zwischen 50 und 120 nach Christus und wurden in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts „kanonisiert“, d.h. ausgewählt, redaktionell überarbeitet und als verbindlich erklärt; dabei sind auch Schriften „durchgefallen“. Die vier Evangelien schöpfen aus mehreren Quellen; die ursprüngliche Quelle ist verloren. Das älteste Evangelium ist das (zweite) Markus-Evangelium (um 70 n. Chr.), das (erste) Matthäus-Evangelium (um 80 n. Chr.) ebenso wie das (dritte) Lukas-Evangelium übernimmt und verarbeitet Teile daraus. Das (vierte) Johannes-Evanglium bezieht sich auf eine andere, verlorengegangene, Quelle. Versuche, ein „Ur-Evangelium“ zu rekonstruieren, nutzen die Erkenntnisse über die Zusammenhänge dieser vier Evangelien.


Stammbaum

Geburt

Auferstehung

Himmelfahrt

Matthäus

x

Kurzfassung

x

-

Markus

-

-

x

nachträglich

Lukas

-

Ausführlich, in der Luther-Übersetzung Vorlage für das Weihnachstoratorium von JSB

x

x

Johannes

Prolog – in Goethes „Faust“ literarisch verarbeitet

-

x

-

Gott

Gibt es die Menschen ohne Gott ?

Was ist ein Mensch ohne Glaube, Liebe, Hoffnung ?
Woran misst sich der Mensch ?
Wonach strebt der Mensch ?

Gibt es Gott ohne die Menschen ?

Ist Gott vielleicht „Schwarm-Intelligenz“ - ein Konzentrat und Zusammenwirken des Wissens und Fühlens einer Gemeinde ?




www.edv-haufe.de letzte Änderung: 22.06.2016