Reminiszenzen aus den 50er und 60er Jahren
von Erhard Haufe

Der NIL

Die Radläufer

Finster

Der Schwimm-Meister

Wolfgang Lorenz - der Fastnacht-Meister

Sauerkirschen



Der NIL

Was der Nil ist, weiß jeder. Nicht aber, daß es noch einen anderen, weit schrecklicheren NIL als den in Afrika gab: den Nacht-Isohypsen-Lauf in Ostrau (Sächs. Schweiz). Hätte es mehr als diesen einen in der DDR gegeben, dann gäbe es heute keine OL-Altersklassenläufer mehr! Sie wären alle damals, noch in der Blüte ihrer Jugend, entweder schlicht und einfach ums Leben gekommen, im Irrenhaus gelandet oder hätten eine andere Möglichkeit gefunden, dem OL für immer den Rücken zu kehren. Man stelle sich bildlich vor: undurchdringliche Nacht, strömender Regen, unbekanntes, von Gefah­renquellen und Hindernissen strotzendes Felsgelände, Einzelstarts mit großen Zeit­ab­stän­den, eine Karte, die nur das Relief, aber keinen einzigen Weg wiedergibt, Kontrollpunkte (damalige Bezeich­nung für „Posten“), auf die man drauftreten muß (erst dann kann man sie erkennen!)! So war, kaum übertrieben, die Situation beim Ostrauer NIL. Gemeldet hatten sich nur etwa 30 Unent­wegte, die Hälfte davon waren TU-HSG-Angehörige. Von den 20, die dann mit Todesverachtung gestartet waren, gelang es einem einzigen, dem TU-As Helmut Conrad, alle Posten zu finden und gerade noch innerhalb der Sollzeit das Ziel (im Sturzflug über einen Steilhang des Kirnitzschtales) zu erreichen. Die Vernünftigen, aber dazu zählten wir HSGer nicht, gaben rechtzeitig auf, recht­zeitig bedeutet nach ungefähr 6 Stunden Kampf gegen Finsternis, Sturzbäche, Brombeerhecken und undurchdring­liches Dickicht, mannshohes Farn­kraut, unüberwindbare Felswände, aufgescheuchte Wild­schweine und dergleichen Liebesgaben mehr. Einer der Vernünftigen, dem ich im Morgen­grauen auf seinem Rückmarsch begegnete, brummelte vor sich hin: „Heute ruhe ich mich mal so richtig aus, da mache ich bloß mal kurz einen Marathon­lauf!“ Ich weiß nicht, ob er schon verrückt war. (Nahe daran waren wir wohl alle - oder waren wir bloß Helden?!) Was ich aber bestimmt weiß, ist, daß NIL zu einem unwiederholbaren Gruselereignis der Vergangenheit geworden ist.

(Aus der Erinnerung am 27.6.1988)

zum Anfang

Die Radläufer

Was ein Radfahrer ist, ist jedem bekannt. Was aber ist ein Radläufer? Ich will es erklären:

Es war zur Urzeit des OL, in der Ära der Partnerläufe. Mein Partner und ich gaben kein schlechtes OL-Gespann ab. Zusammen hatten wir 4 zuverlässig „rollende“ Beine. Dazu kam - und das war unsere persönliche Note, auf die wir stolz waren - noch ein 5. Rad: ein Einrad mit Meter- und Kilo­meterzähler, das man mittels Schiebegriff beim Laufen neben oder vor sich herrollen konnte. Mit diesem famosen technischen Wunderwerk wollten wir das eintönige, damals im OL-Wettkampf hoch im Kurs stehende Entfernungsabschreiten und Schrittzählen wegra­tionalisieren. Und so ge­schah es, daß wir zu „Radläufern“ wurden. Wo nun aber unser Vehikel nicht recht rollen wollte - in unweg­samem Gelände - mußte es der jeweils Konditionsstärkere von uns beiden tragen. Dieses ge­wichtige Instrument sorgte also mit aus­gleichender Gerechtigkeit dafür, daß immer nach wenigen Minuten der andere zum Konditionsstär­keren wurde. Auf diesem psychologischen Einsatzgebiet - das merkten wir bald - lag sein bedeuten­derer, wenn nicht sein einziger Vorteil. Deshalb fand es bald schon der jeweils erste Träger am bequemsten, es bereits auf der ersten Tragestrecke „verse­hentlich“ zu verlie­ren. Weil dieses kostbare Instrument als „Volkseigentum“ aber nicht tatsächlich und endgültig verlo­ren gehen durfte, „verlo­ren“ wir es natürlich dort, wo wir es bestimmt wiederfinden würden. Und so zogen denn nach dem Wettkampf, wenn andere sich aalten, zwei heimliche Wanderer aus, das „Ver­lorene“ wiederzufinden. (Wohl nie wurde ein „verloren­ge­gan­gener“ Gegenstand so sicher und oft „gefunden“ wie der unsrige!) - Warum ließen wir das 5. Rad nicht einfach lieber gleich daheim? Wer gibt denn schon zu, daß seine geniale Erfindung gar nicht so großartig ist? Nun, nach mehr als 15 Jahren, darf ich einge­stehen: Als „Radläufer“ haben wir das Rad der OL-Geschichte bestimmt nicht vorwärts gedreht!

(Aufgeschrieben um 1970)

zum Anfang

Finster

Wir OLer behaupten gern, daß unsere Sportart sehr vielseitig ist. Und dann geht es ans Aufzählen, was der OLer alles können muß. Von der Kunst des „Radlaufens“ habe ich schon erzählt. Der OLer ist aber auch ein tüchtiger Schwimmer. Manchmal „schwimmt“ er in einem Wettkampf viele Kilo­meter weit und dies sogar notfalls ohne Wasser! Mit meinem damaligen Partner „Harry“ (Grosse) „schwamm“ ich eines kühlen Oktobertages bei einer DDR-Meisterschaft in der Nachtetappe volle 5 Stunden. (Das schafft mancher Schwimmsportler nicht!) Wieviel Kilometer wir dabei bewältigten, ist uns nie bekannt geworden, denn wir hatten ja die Karte verloren und sahen, völlig finster, erst wieder Land, als der Morgen graute.

Übrigens. Man kann auch mit Karte schwimmen!

(Aufgeschrieben um 1970)

zum Anfang


Der Schwimm-Meister

Weil wir soeben vom „Schwimmen“ sprachen: In Schweden, am Vorabend eines Wettkampfes, inter­viewte mich ein Reporter. Weil ich nun längst nicht so gut war, wie ich es gern gemocht hätte, ich aber andererseits zwei Jahre zuvor auf neutralem Gelände (in Bulgarien) den Schweden „eins überge­braten“ hatte, suchte ich jetzt vorbeugend nach Gründen, die mein voraussichtlich schlechtes Ab­schneiden in einem nicht so ungünstigen Licht erscheinen lassen würden. „Nun ja“, sagte ich zu dem Reporter, „im Grunde genommen bin ich gar kein OL-Spezialist, wie es meine skandina­vischen Kon­kurrenten sind“. „Ah“, staunte er, „und worin sind Sie nun Meister?“ Für mich eine üble Frage, denn ich war als Allroundmann nirgends einer. Irgendwie muß mich der Teufel geritten haben, als es mir entfuhr: „Ich bin Schwimmeister!“ Dem Worte nach war das nicht gelogen, denn ich besaß das Zeug­nis „staatlich geprüfter Schwimmeister“; aber das hatte er sicher nicht gemeint, und so glaubte er nun wohl, ich wäre ein Meisterschwimmer.

Am folgenden Tage hatte ich den erwarteten schweren Wettkampf. Mit schweißverkrusteter Brille, vor Anstrengung schon mau im Kopf, näherte ich mich einem Kontrollpunkt (wie früher der Posten genannt wurde), von dem mich schließlich nur noch ein breiter Wassergraben trennte. Am jensei­tigen Ufer standen Leute. „Aha, Zuschauerkontrollpunkt!“ dachte ich noch, nahm mich zusammen, stürmte mit letzter Kraft - wie mir schien unter Anfeuerungsrufen - auf den Graben zu, sprang ab und - das Wasser schlug über mir zusammen. Instinktiv hielt ich die Karte hoch und paddelte wie ein ein­armiger Hilfsgeiger dem gegenseitigen steilen Ufer zu, wo ich, während ich mich abmühte, Fuß zu fassen, den erstaunten - oder spöttischen ? - Ruf vernahm: „Ah, Herr Schwimmeister!“

Apropos: Der Graben war wirklich sehr breit und sehr tief - niemand außer mir hatte versucht, ihn zu überspringen. Warum auch? Der Kontrollposten stand direkt auf dem jenseitigen Ufer einer schönen breiten Brücke - höchstens 10 m von meinem Badeplatz entfernt!

(Aufgeschrieben um 1970)

zum Anfang


Wolfgang Lorenz - der Fastnacht-Meister

Auch er war TU-Student. Was er studieren wollte, wußte er vielleicht selbst nicht, was er aber wirk­lich studiert hat, das war der OL! So erwuchtete sich schließlich unser „Dicker“ („Dickus I“), wie wir den Kraftbullen nannten, die DDR-Spitze. Vorn in der Jahres-Rangliste, schaffte er dennoch nie einen DDR-Einzeltitel. Immer hatte irgend ein anderer die Nase vor ihm, und immer war ausgerech­net er der Pechvogel: Seine Schuhe oder seine Karte blieben unauffindbar im Sumpf stecken, er schlug sich seinen Büffelschädel beim Sturz in eine Schlucht ein, auf einer Geröllhalde traf ihn der Steinschlag, ihn fiel am letzten Posten ein Hund an und zerfleischte seine Kontrollkarte. Einmal aber hatte er es beihnahe geschafft: Nachtmeisterschaft – Massenstart! Er mit einem Kontrahenten, der sich an seine Fersen geheftet hatte, an der Spitze, alle anderen weit abgeschlagen! Auf der Ziel­pflichtstrecke vergrößerte sich sein Vorsprung. Durchs Megaphon tönte es schon: Startnummer 142 läuft ein! Bewegung am Ziel, Raunen, Beifallsrufe: Der Meister kommt! Schon hörte man das Stap­fen seiner Schritte, und jetzt stürzt er bereits - nein, nicht durchs Ziel, sondern über einen tückischen Stein; er fällt, als hiebe man ihm die Beine weg. Als er sich mit einem infernalischen Fluch aufrafft, ist es schon zu spät!

Ich schwöre, es ist wahr: eine einzige Sekunde trennte ihn vom Sieg - die Ergebnisliste weist es aus!

Fast also wäre er DDR-Meister im Nacht-OL geworden. Und so ging er in die OL-Geschichte als Fast-Nacht-Meister ein!

(Aufgeschrieben um 1970)

zum Anfang


Sauerkirschen

Später stieß zu unserer Gruppe noch einer, der den Ehrennamen „Dicker“ verdiente („Dickus II“). Auch er - Martin Steinert - war ein „Urviech“. Was ich jetzt erzähle, geschah noch in jenen frühen Jahren, als die Studenten noch keine Monatsgehälter, sondern Stipendien bezogen. Damals war ich so ungefähr der einzige in unserer Gilde mit einem gut auskömmlichen Gehalt. Außerdem besaß ich (richtiger: besaß meine Frau) einen Garten, der zu bestimmten Jahreszeiten Obst verhieß. Nichts ist daher natürlicher, als daß mich meine studentischen Sportfreunde oft „heimsuchten“, vorzugweise zur Obst- und Beerenzeit. Jenes Jahr war ein ausgezeichnetes Sauerkirschenjahr! Zahlreich, groß und saftig waren die Kirschen. Meine immer hungrigen Sportfreunde verzehrten beachtliche Mengen und spuckten die Kerne in mehr oder weniger großen Bögen, insgesamt aber in schöner Gleichmäßigkeit, auf unsere Wiese. Leider nicht zur Freude meiner Frau, die sich darauf ahnungslos ans Wäscheblei­chen machte und - wie sich bald recht deutlich zeigte - rötliches Tupfenmuster auf weißer Wäsche nicht besonders schätzte. Am darauffolgenden Tag kam Dickus II wieder. Clever, wie er war, bekam er sofort spitz, warum es Ärger gegeben haben mußte. „Kann mir nicht wieder passieren!“, sprach´s und aß den Kirschenbaum ohne Hinterlassung störender Reste völlig leer. Als er aber später auf dem Klo stöhnte, konnte man in ungleichmäßigen Abständen ein verhaltenes Trommelfeuer vernehmen. Ob er bereits damals, oder ob er erst nach seiner Blinddarmoperation alle Kerne losgeworden ist, hat er mir nicht erzählt.

(Aufgeschrieben um 1970)

zum Anfang


Startseite letzte Änderung: 12.07.2000

1