Kurzurlaub in der Hochabtei (Alta Badia)

Anfang Oktober 1994 (Montag, dem 10.10.1994) unternahmen wir eine Kurzfahrt mit dem Auto in die Dolomiten. Über München, Holzkirchen, Bad Tölz, Kochensee, Mittenwald, Seefeld (Erinnerung an einen Winterurlaub), Innsbruck, die Brennerautobahn, Brixen ging es nach Süden. In Klausen fuhren wir von der Autobahn ab und über eine schmale, kurvenreiche Landstraße am Hang entlang ins Grödnertal (Val Gardena). Über St. Ulrich, St. Christina und Wolkenstein gelangten wir - das letzte Stück auf winterlicher Straße - zum Grödnerjoch (Passo Gardena, 2121 m), von wo aus wir den Sonnenuntergang und die herrlich klare Rundsicht über den Puez-Geisler-Naturpark, die Sellagruppe und zur Seiser Alm genossen. Von dort ging es über eine kurvenreiche Strecke abwärts nach Colfosco (Kollfuschg, 1640 m) ins dreisprachige Alta-Badia-Gebiet (Hochabtei), wo wir uns bereits von daheim in der Pension Sunara zu Füßen des Sas Songher telefonisch angemeldet hatten (Luigi Pescollderungg, 39030 Colfosco - Badia, Tel. 0471/836269). Uns erwartete ein schönes und sauberes Quartier, und die Wirtsleute waren sehr freundlich. Die Frau kam aus dem benachbarten italienischsprachigen Trentin (Arraba), während viele Einheimische auch deutsch und rhätoromanisch sprechen.

Am nächsten Morgen grüßten uns ein superklarer blauer Himmel, verschneite Berge und eine strahlende Sonne. Die Sellagruppe war von unserer Seite aus vereist, wir lenkten aber unsere Schritte nach Norden an der Edelweißhütte vorbei durch Schneefelder hindurch zum Ciampac-Paß (2366 m). Weiter wanderten wir über den Dolomiten-Höhenweg zur Puezhütte (2475 m), begleitet von herrlichen Blicken zu den Geißlerspitzen (3025 m), durch das Langental hindurch erblickten wir Wolkenstein. Über eine Schneewüste (im Sommer sicherlich eine Steinwüste) ging es zum Ciampani (2668 m), ein großartiger Rundblick über die Dolomiten (Seiser Alm, Marmolada, Sellagruppe, Heilig-Kreuz-Massiv etc.), aber auch weitere Teile der Alpen (wir vermuteten in der Ferne den Großglockner, die Zillertaler Alpen, die Ötztaler Alpen, die Silvrettagruppe - deutlich sichtbar, aber aus Unkenntnis nicht genau bestimmbar), tat sich uns auf. Nun wanderten wir durch ein kleines Tal hinab (ein Einheimischer lockte mit seiner Pfeife Schneegänse hervor, die nur mit Mühe von ihrer Umgebung zu unterscheiden waren) vorbei an der Gardenazza-Hütte (die wie alle anderen Hütten in dieser Jahreszeit bereits geschlossen war) nach Stern (La Villa) im Gadertal und von dort aus über die Straße nach Corvara und schließlich nach Colfosco.

Am Mittwoch wählten wir den gleichen Aufstieg zum Ciampac-Paß. Unterwegs bewunderten wir immer wieder den Rückblick auf Colfosco, das sich in lieblicher und sonniger Lage vor dem mächtigen Sellamassiv präsentierte. Zwischen modernen, dem Touristenansturm gewidmeten Pensionen findet man noch originale hölzerne Bauernhäuser wie auch steinerne Trutzburgen - wie lange noch? Der Weg unter der Seilbahn (ebenfalls schon im Winterschlaf) gab immer wieder neue Ausblicke frei, die Wiesen wurden von herbstlich goldgefärbten Lärchen gesäumt. Oben im Schnee sonnten sich Gemsen. Über die Crespeina-Hochfläche stapften wir den Dolomiten-Höhenweg durch Schneefelder (trotz des Schnees mußten wir angesichts der brennenden Sonne Pullover und Jacken im Rucksack verstauen) zum Crespeina-Joch, und von dort ging es hinab über die Clark-Hütte zu Grödnerjoch. Ein gewundener Hangweg führte uns zurück nach Colfosco, schon von weitem grüßte uns die Kirche mit ihrem spitzen Turm.

Die strapaziösen Touren verlangten nach einem Ruhetag, und so genehmigten wir uns am Donnerstag eine Autofahrt zu den Drei Zinnen. Von Corvara fuhren wir über den Campolongo-Paß durch Trentiner Gebiet zunächst zum Falzarego-Paß, wo wir mit der weit und breit einzigen im Herbst noch betriebenen Seilbahn zum Gipfel des Lagació (2778 m) gelangten. Der Rundblick über die Dolomiten läßt sich kaum beschreiben, westwärts befanden sich greifbar nahe das Marmolada-Massiv (3342 m), das Sella-Massiv (3151 m), die Puez-Geisler-Gruppe, aus dem Tal grüßten uns Colvara und dahinter Colvosco (wir konnten sogar unsere Unterkunft lokalisieren), das Grödnerjoch war deutlich zu sehen. Weiter ging es durch die Olympiastadt Cortina d´Ampezzo über den Paß Drei Kreuze, vorbei am Misurina-See mit seiner herrlichen Lage über eine Mautstraße zum Parkplatz Drei Zinnen. Wir schlossen uns den Heerscharen an und spazierten an der kleinen Kapelle vorbei durch eine typische Kalenderblattlandschaft. Bei besserer Kenntnis der Lage hätten wir günstiger einen etwa dreistündigen Rundweg über die Drei-Zinnen-Hütte gewählt und einen schöneren (auch bezüglich des Sonnenstandes) Blick zu den Drei Zinnen genießen können; aber auch so ergab sich ein lohnender Ausblick in die umliegenden Berge. Auf dem Rückweg über Schluderbach, Cortina d´Ampezzo, Falzarego-Paß erlebten wir die vielen wechselnden Blicke aus einer anderen Sicht noch einmal. Vom Passo Campolongo fuhren wir diesmal hinunter nach Stern durch ein herrliches weites Tal. Die Berge des Heilig-Kreuz-Massives grüßten uns vorm Sonnenuntergang mit einem klassischen Alpenglühen.

Nun weilten wir schon den vierten Tag zu Füßen des Sella-Massives, ohne uns hineingewagt zu haben. Ein Aufstieg von unserer Seite ist im Herbst nur mit Winterausrüstung (Steigeisen und Eispickel) möglich, und so fuhren wir mit dem Auto über Colvosco in Richtung Campolongo-Paß und wanderten von der Boé-Herberge - wie immer bei strahlender Sonne und stahlblauem Himmel - den Fahrweg aufwärts - begleitet von einem eindrucksvollen Rückblick zum Maramolada-Massiv - und weiter über den Wanderweg 638 zur Franz-Kostner-Hütte. Nach einer Rast mit Mittagessen aus dem Rucksack ging es weiter am Hang entlang in Richtung Pardoi-Paß. Ich genehmigte mir noch einen kleinen Abstecher durch einen Gerölleinschnitt auf das Hochplateau, von wo es nur noch ein kleines Stück bis zum Gipfel des Piz Boé war (das verkniff ich mir aber). Der Weiterweg schien uns zu gefährlich ohne spezielle Ausrüstung, deshalb gingen wir wieder zurück zur Franz-Kostner-Hütte und wanderten die Wegfolge 637/636 durch die grazilen Felsen Bec de Roces, weiter unter der Seilbahn zur Boé-Herberge. Mit dem Auto fuhren wir noch eine kleine Runde über den Passo Campolongo nach Arabba hinab, die steile Straße zum Passo Pordoi hinauf, über den Sella-Paß zurück nach Südtirol und über das Grödner-Joch wieder ins Quartier.

Der nächste Tag führte uns ins Fanes-Gebiet. Über Stern fuhren wir erst einmal nach St. Cassiano (Lager Sciaré). Wir wanderten nach dem üblichen Aufstieg auf das weitläufige Fanes-Plateau. Uns begegneten und überholten dort zahlreiche Radfahrer, die auf einer der Zufahrten aus östlicher oder nördlicher Richtung auf das Plateau gelangten. Leider blieb uns nur der gleiche Weg zurück, die großen Strecken sind wohl nur mit dem Fahrrad zu bewältigen.

Man glaubt es kaum, aber irgendwann muß man wieder nach Hause - auch wenn viele Wanderziele von uns noch unberührt blieben. Für den Rückweg wählten wir eine andere Strecke über Grödner-Joch, Sella-Joch, Fassa-Tal, Karer-Paß (Rosengarten!), über Welschnofen hinab nach Bozen, das Etschtal zwischen fruchtbaren Landschaften hoch nach Meran, am Ort Tirol vorbei durch das Passeiertal hinauf über enge Serpentinen und einige Tunnel zum Timmelsjoch (wenige Stunden später wurde dort dichtgemacht zum Winterschlaf), über Hochgurgl das Ötztal hinab zum Inn, über Imst, Ehrwald, Garmisch-Partenkirchen (üblicher Wochenend-Stau!) wieder nach Dresden. Uns bleibt eine tiefe Erinnerung - und eine Schachtel Dias.



letzte Änderung: 28.01.2001